Digitales Nomadentum – eine Option für mich?


5. September 2019 in von Michael Gottron

Einen schlanken Laptop in der Tasche, die berufliche und generelle Unabhängigkeit weit oben auf der Prioritätenliste sowie der Wunsch bzw. die Unentschlossenheit gerade in der Generation Millenials, sich auf einen festen Wohnort festzulegen – und schon scheint man der perfekte Kandidat für den Digital-Nomad. Doch was verbirgt sich nun wirklich dahinter und für wen ist es ein lukratives Geschäfts- und Lebensmodell?

Während ich diesen Artikel schreibe, sitze ich auf der Terrasse des Familienbungalows südlich von Berlin und schaue zwischendurch auf den Wald. Alle zwei bis drei Monate erledige ich eine größere Übersetzung am Ort meiner Wahl, aber zum digitalen Nomaden macht mich das noch lange nicht.

Seit 2014/15 ist der “digital-nomad” in den allgemeinen Sprachgebrauch aufgenommen wurden, als spezifische Online-Communities zum Thema gegründet wurden, Co-Working Plätze aus den Böden sprossen und Webkonferenzen als gleichwertig zu persönlichen akzeptiert wurden. Um das Jahr 2000 war der Begriff lediglich in der IT-Welt zuhause, als u.a. Software-Developern die Möglichkeit eingeräumt wurde, auf Distanz zu arbeiten.

Auch heute sind viele Digital-Nomads noch Programmierer (22%), aber auch Online-Vermarkter (9%) und Designer (8%). Ca. 40% verdienen dabei mehr als $50.000,  ganze 38% allerdings weniger als $10.000 pro Jahr, so Forbes.

Digital-Nomad, Quelle: welance.de

Heute gibt es vor allem 3 Kategorien von digitalen Nomaden:

1. Blogger:

Blogger schreiben größtenteils für sich selbst, deshalb hier die Abgrenzung zum Freiberufler (folgend) und sind umso beliebter, je regelmäßiger sie Content zu populären Themen schreiben. Laut www.seopoll.com sind die beliebtesten Blogging-Kategorien Reisen, Fitness, Musik, Lifestyle und Sport.

Wenn der Blog schließlich auf breites Interesse stößt, lohnt es sich, Werbeanzeigen zu platzieren oder inhaltlich relevante Produkte zu empfehlen – kurz Affiliate Marketing zu betreiben.

Ein gelungenes Erfolgsbeispiel ist der Reiseblog www.danflyingsolo.com  von Daniel James, der beeindruckende 25,6 Millionen Follower auf instagram verzeichnen kann. Realitätscheck: Obwohl er sich als Vollzeit-Reisender bezeichnet, verdient er sein Geld zusätzlich noch als Fotograf und Webdesigner.

2. Freelancer

Die Mehrheit der Freiberufler, die 28% des Digital-Nomad Marktes ausmachen sind heute noch Programmierer, Texter und Designer, aber neue Türen öffnen sich täglich und der Markt für virtuelle Assistenten, Online-Dozenten, Berater und Therapeuten, Community Manager, Kundenservice und findige Online-Unternehmer aller Art wird wachsen. Die Freelancing Website Upwork ist eine der beliebtesten Seiten im Bereich E-Commerce aller Art besonders für Kleinunternehmen. Von Programmieren über Architekten, Designer, Texter und Übersetzer bis zu Produktmanagern und Juristen – über 10 Millionen digitale Freelancer sind hier registriert.

Ein reales Einkommen eines Upwork Mitglieds mit wenig Berufserfahrung im Bereich Marktforschung: $100 pro Arbeitstag bzw. $ 15 pro Stunde. Nach Abzug der Kommission für Upwork, $70-80 pro Tag bzw. $10-12 pro Stunde. Innerhalb Europas sicherlich ungenügend, aber am Anfang der beruflichen Laufbahn und im tropischen Südostasien lebend, für viele attraktiv.

Zahlreiche Freelancer nutzen Vermittler-Webs wie im Beispiel für die ersten 1-3 Jahre, bauen sich einen Auftraggeberstamm auf, können schliesslich auf den “Mittelsmann” verzichten und wie im Beispiel nach zwei bis drei Jahren in der Branche den Stunden- oder Tagessatz so erhöhen, dass der Verdienst bei einer 30-40h Woche bei $ 50.000 im SEO Marketing liegen kann.

3. Angestellte

Es mag überraschen, doch ca. 35% der Digital-Nomads sind Angestellte. Die Zahl der Firmen, die ausschließlich in der Cloud existieren steigt und auch Giganten wie Dell schätzen, dass schon 2020 die Hälfte der Angestellten auf Distanz arbeiten wird – Trend steigend.

Die Vorteile des Angestellten-Verhältnisses liegen auf der Hand. Echtzeit-Kommunikationstools wie Slack sind in der Ingenieursbranche für Konferenzen zunehmend beliebter, geteilte Bildschirme und verknüpfbare Apps vervollständigen die Möglichkeiten der Zusammenarbeit auf Distanz. Ingenieure sind bei den Angestellten die Bestverdiener, gefolgt von Marketingprofis und Kreativen. (siehe: https://www.and.co/anywhere-workers)

Gibt man beim deutschen Jobsuch-Giganten stepstone “remote” im Suchfeld ein, erscheinen ca. 700 Stellenangebote, zumeist im Angestelltenverhältnis. Gerade viele Start-Ups setzen auf ortsunabhängiges Arbeiten und können so im Buhlen um qualifizierte Bewerber punkten. Ein etabliertes Remote-Unternehmen in Deutschland ist Inpsyde, die z. Zt. grösste WordPress Agentur auf dem deutschen Markt, jeder der 32 Mitarbeiter arbeitet 100% ortsunabhängig, einige als Nomaden, andere im Home-Office.

Egal um welche Kategorie es sich handelt, für einen Teil der Digital-Nomads ist es oft auch ein Schritt auf dem Weg der Gründung eines eigenen Geschäfts, oft Start-Ups. So haben sich, besonders in Gegenden mit günstigen Lebenshaltungskosten wie Südostasien, Städte wie z.B. Chiang Mai in regelrechte Top-Orten für digital nomads verwandelt und man trifft sich in Co-Working Büros oder Cafés zum Networking mit Gleichgesinnten aus aller Welt.

Die Website https://nomadlist.com/ lädt dazu ein, “Teil einer globalen Gemeinschaft von Weltreisenden zu werden, die ortsunabhängig arbeiten”. Chats, Foren, detaillierte Filter und natürlich ein Jobsuche- und Angebotsportal lassen wenige Fragen offen.

Formalitäten für den Digital-Nomad

Richtige Wahl der Technologie

Für welche Art digitaler Arbeit man sich auch entscheidet – die technologische Ausstattung spielt oft eine größere Rolle als anfangs erwartet. Ob branchenspezifische und z.T. kostenpflichtige Software wie Content Management Systeme, das Einlernen in Online-Werkzeuge, Speichermodalitäten und Kommunikation in der Cloud oder das Erstellen qualitativ hochwertiger Fotos für den eigenen Internetauftritt – eine wohldosierte Affinität für digitale Technologien und deren Updates ist genauso unabdingbar wie eine konstant starke Internetverbindung.

Auf was muss ich im administrativen achten?

Gerade dann, wenn der Schritt ins außereuropäische Ausland angedacht ist, stehen einige Recherchearbeiten bevor: Arbeitserlaubnis/Visa, Lebenskosten, Versicherungen, Einrichten eines Kontos und Steuerberechnung/Buchhaltung. Die Foren der bereits genannten Seiten sind gute Anlaufspunkte. 

Was ist mein Ziel, was möchte ich erreichen?

Zeit für ein Brainstorming. Was erhoffe ich mir durch den Schritt zum digitalen Nomaden? Eine Luftveränderung? In manchen Fällen ist es vielleicht lediglich Zeit für ein Jahr unbezahlten Urlaub und genug Zeit für sich selbst und die Gewinnung von neuen Perspektiven. Reduzierung der aktuellen Arbeitszeit? Dann ist ein Zeitplan sinnvoll, denn schnell sind mit der Übernahme von Parallelprojekten wieder die 40 Stunden erreicht.

Einen Branchenwechsel? Ist in dem Fall eine vorherige Weiterbildung nötig? Denn auch von scheinbar einfach zugänglichen Jobs als Online-Sprachlehrer etc. wird oft ein Online-Training vorausgesetzt.

Zu guter Letzt sollte auch der soziale Aspekt gut durchdacht sein, denn auch wenn Bezahlung und Arbeitsort stimmen – der Abstand zu Freunden und Familie kann einsame Phasen hervorbringen, denen nicht jeder gewachsen ist.

Photo by Austin Distel on Unsplash

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